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  • Walter Kreisl

Zu sein, zu leben...

Kürzlich habe ich die folgende Zeile von Friedrich Hölderlin gelesen: „Zu sein, zu leben, das ist genug.“ Unglaublich, was ist das für ein Satz! Nur sieben Worte in denen die Wirklichkeit so treffend wiedergegeben wird. Wie kann ein Mensch so etwas schreiben? Ist es überhaupt möglich durch Nachdenken, mit dem Intellekt, die Wirklichkeit wiederzugeben? Nicht wirklich! Denn wenn wir uns der Wirklichkeit annähern wollen, gibt es folgende Möglichkeit: Die Gedanken vollständig ruhen zu lassen, ganz aufmerksam zu werden und zu schauen, ohne dabei einen Gegenstand zu fixieren. Wir lassen alles außer acht bis es niemanden mehr gibt der schaut, noch etwas das angeschaut wird. In dem Augenblick, in dem uns das gelingt, sind wir sozusagen das Schauen selbst. Das hört sich zunächst banal an, doch wir machen dabei eine ganz interessante Entdeckung indem wir uns fragen: Wo war in diesem Zustand denn eigentlich das Ich? Es war nämlich nicht mehr da. Es war verschwunden, weil da eben keine Gedanken mehr vorhanden waren, aus denen sich hätte ein Ich zusammensetzen können. Und so machen wir die Erfahrung dessen was wirklich ist - das Nichts, die Leere, das Nicht-Denken - das dauernde Sosein. Man kann das auch anders beschreiben: Wenn ich mir einen Eimer vorstelle, gefüllt mit Wasser, den ich mir über den Kopf schütte, dann bin ich trotzdem nicht nass. Das ist so, weil dieser Eimer mit Wasser eben nur eine Vorstellung, ein Gedanke ist. Und ein Gedanke, auch wenn er noch so präzise ist, kann eben die Wirklichkeit nicht wirklich wiedergeben. Demzufolge gibt es einerseits, eine Welt der Gedanken, der Vorstellungen, aus denen sich unser Ich zusammensetzt und mit dem wir uns so sehr identifizieren. Und andererseits gibt es eine Welt in der die Gedanken ruhen, in der wir eins sind mit dem was uns umgibt. Und genau diesen Zustand bezeichnet man als Wirklichkeit und damit können die meisten Menschen gar nicht so viel anfangen. Dies wird auch als Leere bezeichnet, weil da eben nichts ist. Das einzige was ist, was sich ereignet - ist Sein. Und da schließt sich der Kreis und wir sind wieder bei Friedrich Hölderlin angelangt. Ganz vereinfacht gesagt: Es muss ihm im laufe seines Lebens irgendwie gelungen sein, sich etwas von dieser Leere - die man auch das Innere Kind nennt - zu bewahren. Und genau diese Fähigkeit hat ihn zum Dichter gemacht und seine Weltsicht, im wahrsten Sinne des Wortes, geprägt. Er muss etwas von der Wirklichkeit erfahren haben, was er dann mit den Worten - „zu sein, zu leben, das ist genug“ - beschreiben hat.


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