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  • Walter Kreisl

Lichtritual

Am 2. Februar, vierzig Tage nach Weihnachten, wird Lichtmess gefeiert. Das Fest stammt noch aus vorchristlicher Zeit. Es wird ein uraltes Ritual vollzogen, ein Licht-Ritus. Kulthandlungen und Rituale sind ein nichtsprachlicher Ausdruck, eine symbolhafte Handlung, die weit mehr einschließt als ein rationales Bekenntnis. Rituale führen zu unserem wahren Wesen hinter der Maske „Person“. Sie besitzen heilende Kräfte und stellen die Verbindung zwischen dem Bewussten und dem Unbewussten her. Deshalb haben Rituale auch in der Psychotherapie ihren festen Platzt.

Ich erinnere mich noch an die Zeit, kurz nach dem Tod meiner Frau. Ich war allein in meiner Wohnung und blickte auf das, was materiell von der Beerdigung übriggebliebene war - das Bild meiner Frau. Es war sehr bedrückend! Irgendwann stellte ich dann neben das Bild eine Kerze und zündete sie an. Das Licht der Kerze verwandelte die Situation in etwas völlig anderes. Die Stille und das All-Ein-Sein gab mir ein Gefühl der Geborgenheit. Ich hatte ein Ritual vollzogen, ein Licht-Ritual. Ich bin heute noch erstaunt darüber, welche Resonanz von diesem Kerzenlicht ausgehen konnte.

Aus Sicht der Quantenphysik hat Licht zwei komplementäre Eigenschaften - es tritt als Partikel oder als Welle in Erscheinung, je nachdem, welcher Versuch durchgeführt wird. Beide Aspekte (Partikel und Welle) sind notwendig um das Licht zu verstehen, doch es ist sinnlos zu fragen welcher der beiden Aspekte das Licht ausmacht. So hat man erkannt, dass die „Personen“, die die Versuche durchführen, das Bindeglied zwischen Licht als Partikel und Licht als Welle sind. Das wellenartige Verhalten, das wir beim sogenannten Doppelspalt-Versuch beobachten, ist keine Eigenschaft des Lichtes an sich, sondern es ist die Eigenschaft unserer Wechselwirkung mit dem Licht. Ebenso sind die Partikelartigen Eigenschaften, die wir beim photoelektrischen Effekt beobachten können, keine Eigenschaften des Lichtes an sich. Auch sie sind Eigenschaften unserer Wechselwirkung mit dem Licht. Wellenartiges und Partikelartiges verhalten sind also Eigenschaften von Wechselwirkungen. Das ist eine sehr wichtige Erkenntnis. Man wusste das schon sehr lange, ohne eine wissenschaftliche Erklärung dafür zu haben. Auch unser „Ich“, unsere „Person“ ist ausschließlich das Ergebnis von Wechselwirkungen. Die gesamte Lehre des Buddhismus auf der Grundlage dieser Erkenntnis aufgebaut.

An Lichtmess geht es um das „Urlicht“, aus dem wir irgendwann gekommen sind. Es geht um unsere wahre Herkunft, um das was wir in erster Linie sind. Deshalb will uns das Ritual auch sagen, dass wir erst in zweiter Linie das „Ich“, die „Person“ unsrer Wechselwirkungen mit der Umwelt sind. Und es will uns auch sagen, dass wir erst in zweiter Linie die Eltern unserer Kinder sind.



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